Wo Steine und Wasser verschwinden

Wenn es auf der Schwäbischen Alb regnet, dann löst das Regenwasser den kalkigen Felsboden auf und es entstehen Risse, die sich zu Spalten ausweiten. Schließlich werden große Höhlensysteme ausgewaschen. Das Wasser bleibt demnach nicht an der Erdoberfläche stehen, sondern fließt unterirdisch schnell ab. Über die Jahrtausende entstand auf diese Weise eine karge, durch Verkarstung gekennzeichnete Landschaft – die Schwäbische Alb.

Sagenhafte Unterwelt

Das Regenwasser nimmt aus der Atmosphäre und beim Versickern im Boden CO2 auf und wird sauer. Dieses Wasser löst den Kalk auf und führt zur Entstehung weitläufiger Höhlensysteme im Innern der Schwäbischen Alb. Verstärkt wird diese Wirkung durch Schwefeldioxid und Stickstoffoxide in der Luft sowie durch Huminsäuren im Boden. Zu den bekannesten Höhlen, die zum Teil auch als Schauhöhlen für Besucher zugänglich sind, zählen u. a. die Bärenhöhle, die Laichinger Tiefenhöhle, die Nebelhöhle, die Falkensteiner Höhle, die Charlottenhöhle sowie die Wimsener Höhle: Sie ist die einzige Höhle Deutschlands, die man nur mit einem Boot befahren bzw. besichtigen kann. Tropft das mit Kalk befrachtete Wasser in den Höhlen von der Decke, fällt der Kalk aus. Bei Auftreffen des Wassertropfens auf dem Boden wächst über die Jahrtausende ein Stalagmit in die Höhe, bis sich beide zu einer Tropfsteinhöhle zusammenfinden. So entstand in den großen Hallen der Albhöhlen eine geheimnisvolle und faszinierende Welt von Sinterkalk und Tropfsteinen mit beeindruckend vielfältigen Farbvariationen. Vor der Entstehung dieser Höhlensysteme versickerte das Wasser an der Erdoberfläche nicht, sondern floss in Bächen und Flüssen zusammen. Große Täler wurden ausgewaschen, die heute zumeinst trockenliegen, die so genannten Trockentäler.

Im Weißen Jura der Schwäbischen Alb entstanden über Jahrmillionen zwei Karststockwerke, in denen sich das Wasser sammelt.

Das Wasser des tieferen Stockwerkes sammelt sich auf den stauenden Ton- und Mergelhorizonten und tritt in Quellen, am Albtrauf zur Neckarseite hin, wieder zutage. Die Quellen des höher gelegenen Karststockwerks fließen meist zur Donau hin ab. Beide Karstwasserspeicher sind für die Trinkwasserversorgung der gerade aufgrund der Verkarstung an sich sehr wasserarmen Schwäbischen Alb von großer Bedeutung. Wenn das Wasser, wie am Uracher Wasserfall, wieder aus dem Kalkstein sprudelt, ist es mit bis zu 200 mg Kalk/Liter befrachtet. Dieser fällt aus und bildet einen großen Kalktuffvorbau, über den das Wasser hinunterstürzt und sich in einem Bach wieder sammelt.

Aus Wasser werden Steine

Wir sind am Uracher Wasserfall: Dort fallen dem Betrachter unterhalb des Falls grasgrüne Moospolster auf, die direkt im Wasser zu wachsen scheinen, Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass sie nach unten hingehend immer brauner werden. Es ist kein Schmutz: Die Moose "verkalken". Live können wir hier miterleben, wie aus Wasser Steine werden und sogar Fossilien entstehen! Hauptsächlich an Moosen und Algen wird der Kalk direkt aus dem Albwasser ausgefällt. Obwohl sie von unten her immer mehr „versteinern“, können diese Pflanzen nach oben hin weiterwachsen, so dass im Idealfall mehrere Meter mächtige Vorkommen dieses Kalktuff genannten Gesteins entstehen können. Auch Blätter, Äste und anderes Material werden „versteinert“ und so zum Fossil „umgewandelt“. Nur Spezialisten wie Moose und Algen können hier leben, für Bäume ist dieses Milieu zu lebensfeindlich. Trotz der vielen Quellbäche gibt es mittendrin auch trockene Stellen, wenn sich der Bach durch die laufende Kalktuffausfällung seinen eigenen Lauf versperrt hat, so dass er trockenfiel und sich ein neues Bett suchen musste. Die Bildung dieses albtypischen Gesteins dauert bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt an, wenn auch in äußerst eingeschränktem Maß. Vor rund 5000 Jahren, unter einem wärmeren Klima, war das noch ganz anders: Heute noch sichtbare mächtige Kalktuffbarren wurden seinerzeit in den Oberläufen der Albrandflüsse aufgebaut. Im letzten Jahrhundert bildeten diese Kalktuffterrassen ideale Ansatzpunkte der Wasserkraftnutzung und damit wichtige Standortfaktoren für die Albindustrie. An etlichen der älteren Gebäude in der Altstadt von Bad Urach fällt ein lückiger Kalkstein auf. Teilweise kann man darin noch Rest von Moosen erkennen: Kalktuff! Nicht nur Häuser in den Albrandstädten, auch viele Kuhställe in den Dörfern auf der Albhochfläche sind aus „fossilen Moosen“ erbaut. Denn der lückige Stein lässt sich „bergfeucht“ leicht sägen und wirkt stark isolierend, kein Wunder also, dass er früher als gesuchter Baustein Verwendung fand! Kaum zu glauben, aber wahr: Sogar am Uracher Wasserfall befand sich ein großer Steinbruch. Ebenso in Bärenthal im Naturpark Obere Donau, wo man heute noch den mit speziellen Großsägen betriebenen Abbau von Kalktuff beobachten und vielleicht auch den einen oder anderen schönen Stein käuflich erwerben kann. Wieder zurück in Bad Urach, genauer bei den Gütersteiner Wasserfällen. Unaufhörlich entstehen hier Kalktuffe aus dem spritzenden Wasser. An einer Stelle wächst auf diese Weise ein Tuffgewölbe langsam nach vorne und senkt sich dann ab. Im Laufe der Zeit wird es die so entstandene Hohlform eingeschlossen haben. So entsteht - hier unmittelbar zu erleben - eine der seltensten Höhlenformen der Welt: eine Tuffhöhle.

Wir schreiben das Jahr 1892. Im fast zehn Meter unter der Erde liegenden Keller des Brauereigasthofes „Zum Rössle“ in Zwiefaltendorf stößt plötzlich die Hacke eines Arbeiters ins Leere – er ist auf einen Hohlraum gestoßen! Sein Ruf „Do isch a Hehle“ hallt im Keller wieder. Die Zwiefaltendorfer Tropfsteinhöhle, eine durch Tuffbildung der Zwiefaltendorfer Ach „gebaute Höhle“, war entdeckt. Neben echten Tropfsteinen schmücken ausnehmend schöne „Tuffvorhänge“ ihre Wände und vielleicht entdecken Sie selbst bei einem Besuch, woher der ebenfalls hier zu bestaunende „Blumenkohltuff“ wohl seinen Namen hat. Doch Vorsicht! Bei Hochwasser in Donau und Ach ist die Höhle oft überflutet. Kalktuffe können auch Seen entstehen lassen; Bei Seeburg hat die Tuffabscheidung des Ermstales ein ganzes Tal, das Fischbachtal, abgeriegelt und den „Bodenlosen See“ aufgestaut. Die Kalktuffbarre ist noch heute sichtbar. Der See wurde unter anderem als Schwellweiher für die Flößerei genutzt. Den Wasserstand regelte man damals über einen heute immer noch vorhandenen Stollen. Der See selbst ist zwischenzeitlich abgelassen und teilweise bebaut – geblieben ist die natürliche Steinbildung des Wassers.

Wasser taucht ab

Auf den ersten Blick weniger spektakulär ist die Abtragung im Inneren der Alb. Kalk ist unter bestimmten Umständen wasserlöslich, und so bilden sich ausgedehnte Hohlräume in der Alb-Unterwelt. Berühmt sind die zahlreichen Höhlen, berüchtigt die Dolinen, kleinere Einsturztrichter, die im Extremfall auch schon mal mit einem gerade darüberfahrenden Traktor einbrechen. Und schließlich führt die „ausgehöhlte“ Alb noch zu einem weiteren Phänomen. Trotz hoher Niederschläge ist die Schwäbische Alb die wasserärmste Landschaft von Deutschland. Vor Ausbau der Albwasserversorgung waren viele Albbewohner auf in Zisternen und Hülen gesammeltes Regenwasser angewiesen, und in dürren Sommern musste zum Teil monatelang Wasser in Fässern von weit her auf die Hochfläche transportiert werden. Gleichzeitig besitzt die Alb mit der Aachquelle und dem Blautopf die stärksten Quellen Deutschlands. Bei Hochwasser schüttet der Aachtopf bis zu 24 800 Liter pro Sekunde. Zu erklären ist dies mit dem Versickern des Wassers in den ausgehöhlten Untergrund. Am beeindruckendsten nachzuvollziehen ist diese Erscheinung wohl im plötzlichen Verschwinden der gesamten Donau bei Immendingen, der so genannten Donauversinkung oder Donauversickerung.

 Kampf zwischen Donau und Rhein

Au der Schwäbischen Alb vollzieht sich ein einmaliges Phänomen der Flussgeschichte. Es ist der Kampf zwischen Rhein und Donau. Der Verlierer dieser beiden ungleichen Partner steht bereits fest: Die Donau wurde „geköpft“ und versinkt.

Zum besseren Verständnis dieser ungeheuerlich klingenden Vorgänge müssen wir gedanklich in die Vergangenheit, mehr als 10 000 Jahre zurückreisen.

In der Nähe den heutigen Blumberg füllt die Donau, aus dem Schwarzwald kommend, als großer Fluss noch ihre breite Aue aus. Ein kleines, unscheinbares, aber wildes Flüsschen, deshalb zu Recht Wutach genannt, wird das jedoch schon bald ändern: Seit Jahrtausenden schon nagt es kräftig am Donautal. Eines Tages ist es dann soweit, die Donau wird „geköpft“, d.h. von der Wutach angezapft: Statt in Richtung des heutigen Donautals fließt das Donauwasser nunmehr die steile Wutach hinunter in den Rhein. Die bisherige Donauaue dahinter verlandet und wird zum Moor. Wieder einmal hat der Rhein den alten Kampf zwischen ihm und der Donau für sich entschieden! Doch auf der Alb findet der ungleiche Kampf zwischen den beiden größten Flüssen in Baden-Württemberg noch bis heute seine Fortsetzung - sowohl ober- als auch unterirdisch. Zum Beispiel zwischen Immendingen und Möhringen, wo ohne jegliche Vorwarnung auf einmal die gesamte Donau verschwindet. Die meiste Zeit des Jahres kann man trockenen Fußes in ihrem Flußbett spazieren gehen. Aber ein bedeutender Fluß kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen! Die Lösung des Rätsels brachten erst vor nicht allzu langer Zeit durchgeführte Färbeversuche an den Tag: Als Folge der Verkarstung versinkt das Wasser und bahnt sich seinen Weg durch das Dunkel des Albuntergrundes. Erst am herrlich blauen Aachtopf, inmitten der größten Karstquelle Deutschlands, kommt das Donauwasser wieder zum Vorschein und fließt über den Bodensee zum Rhein. In diesem Kampf ist die Donau chancenlos, denn der Rhein hat ein stärkeres Gefälle und damit viel mehr Erosionskraft. Laufend gräbt er der Donau das Wasser ab. Irgendwann wird sie vielleicht sogar ganz verschwinden.

Dabei hat die Donau früher Großes für die heutige Alblandschaft geleistet: Das schönste Beispiel dafür ist wohl ihr Durchbruchstal im Naturpark Obere Donau zwischen Tuttlingen und Sigmaringen. Hier hat sich die Donau durch die mächtigen, harten Jurakalke förmlich hindurchgesägt und uns dadurch die herrlichen Riffe eines längst vergangenen Meeres sichtbar gemacht. Zeugen für diesen Vorgang sind heute noch zu findende alte Flussschotter und längst trockengefallene Talabschnitte und Nebentäler der Donau, die bis zu 100 m höher liegen als ihr heutiger Lauf. Vor dem Hintergrund dieses Jahrtausende dauernden Ringens zwischen Rhein und Donau ist es kein Zufall, dass heute die Europäische Wasserscheide über die gesamte Länge der Schwäbischen Alb verläuft. Diese Linie entscheidet, ob das Wasser der Albflüsse über den Rhein in die Nordsee oder mit der Donau in das Schwarze Meer gelangt.

Flusstäler ohne Flüsse

Mitten auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb liegt ein beeindruckendes Tal. Nur der große Fluß, der zu erwarten wäre, ist nicht zu finden. Gelegentlich windet sich darin ein kleines Bachrinnsal, meistens ist jedoch überhaupt kein Wasser da. Trockental nennt die Fachsprache dieses Phänomen, und viele solche Täler durchschneiden die Alb. Aber wo sind die Flüsse, die diese Täler gegraben haben? Entstanden sind diese Täler im Tertiär und während des Eiszeitalters. Damals rauschten noch große Flüsse auf der Alb, bis sie nach der Eiszeit in den Alb-Untergrund abtauchten und verschwanden.

Dort haben sich in den wasserlöslichen Kalkschichten ausgedehnte Höhlen- und Kluftsysteme gebildet. Hierin fließt das Wasser auf geheimnisvollen, noch heute vielfach unbekannten Wegen kilometerweit, um dann an Karstquellen wie dem großen Blautopf oder der Aachquelle wieder zum Vorschein zu kommen. Erst Färbeversuche, Höhlen- und Tauchexpeditionen konnten einige der „unterirdischen Flussläufe“ aufspüren und nachvollziehen. Doch als wollten sie ihre einst großartige Vergangenheit nochmals dokumentieren, verwandeln sich einige der Trockentäler gelegentlich wieder in Täler mit „richtigen“ Bächen und Flüssen. Dann ist es beeindruckend zu sehen, wie nach einem starken Regenfall zum Beispiel aus einem trockenen so genannten „Hungerbrunnenlauf“ wieder ein rauchender Bach wird, ganz so wie Tausende Jahre zuvor.