Tönerne Füße der Alb

Neben seinen beiden „Geschwistern“, den Schwarz- und dem Weißjura, die durch Fossilienfunde weltberühmt wurden und als markante Steilstufe die „eigentliche“ Schwäbische Alb prägen, gerät der unscheinbarere „kleine Bruder“ Braunjura leicht in Vergessenheit. Dabei hat auch er einiges zu bieten.

Als relativ dünnes Band zieht sich der Braunjura an der Nordseite der Schwäbischen Alb zwischen der flachen Schwarzjuraplatte und dem Steilanstieg des Weißjuras hin. Seine bräunlichen, meist eisenhaltigen Sandsteine gaben ihm den kennzeichnenden Namen Braunjura, im Unterschied zu den im älteren Schwarzjura verbreiteten dunklen Ölschiefern und den weißen Kalken im jüngeren Weißjura.

Im Vergleich zu der Schwarz- und Weißjurazeit wurden die Braunjuraschichten vor circa 160 Millionen Jahren in einem flacheren, festlandsnäheren und vor allem kälteren Meer abgelagert. Bei lediglich 13 bis 18° C Wassertemperatur war es Korallen und anderen tropischen Lebewesen einfach zu frostig. Es finden sich jedoch zahlreiche Muscheln und Ammoniten mit teilweise opalschimmernden Schalen. Daher erhielt die unterste Braunjuraschicht den Namen Opalinuston.

Dieser oft bis zu 170 Meter mächtige Opalinuston ist noch heute bei Straßen- wie Häuslebauern gleichermaßen gefürchtet. Neigt er doch zu Rutschungen, die dauernde Reparaturarbeiten nach sich ziehen. Zahlreiche alte Ziegeleien weisen auf die frühere Verwendung des Tones zur Ziegelherstellung hin; einst wie heute ist eine bevorzugte Nutzungsform dieser Schicht die Streuobstwiese. Im Gelände erkennt der aufmerksame Beobachter Opalinustonhänge leicht an den krumm und schief gewachsenen Obstbäumen, die durch so genanntes „Hakenschlagen“ versuchen, das Wegrutschen ihres Wurzelbereiches auszugleichen.

In die weichen, aber wenig wasserdurchlässigen Tone haben sich zahlreiche Wasserläufe zum Teil so tief eingegraben, dass enge Klingen entstanden. Häufig finden sich kleine Wasserfälle, wenn eine härtere Sandsteinbank gequert wird, die den bezeichnenden Namen „Wasserfallbank“ trägt. Besonders schön und romantisch ist dieses Phänomen im Teufelsloch bei Bad Boll zu erleben.

Im Bereich der „Wasserfallschichten“ fühlt sich der Betrachter in den Schwarzwald versetzt. Statt der im Albbereich üblichen „Kalkzeiger“ unserer Pflanzenwelt treten hier plötzlich zahlreiche „Säurezeiger“ wie Heidelbeeren und Adlerfarne auf. Sie zeichnen die Verbreitung kalkarmer Rohhumusböden nach, die sich auf den „sauren“ Sandsteinen bilden.

Zur Braunjurazeit lag der Bereich der Ostalb näher zum Festland als die Westalb. Die unterschiedlichen Ablagerungsbedingungen sind noch heute im Gelände zu erkennen. Eine erste Schichtstufe im Gelände bilden im Bereich der Mittleren Alb die Donzdorfer Sandsteine, die früher als Bausteine sehr begehrt waren, z.B. beim Bau des Ulmer Münsters. Diese Sandsteine zählen schon zur Formation des sogenannten Eisensandsteines. Hier finden sich Eisenerzvorkommen, eingeschwemmt aus den Flüssen des benachbarten Festlandes.

Betrachtet man diese Erze unter der Lupe, zeigen sich millimeterkleine, zwiebelschalige Kügelchen, die an zusammengeklumpten Kaviar erinnern. Daher auch der Name Oolith („Eierstein“). Mit einem Erzgehalt von über 30% waren diese Schichten früher abbauwürdig. Etwa 30.000 Tonnen Erz pro Monat wurden bis 1963 aus der Grube „Karl“ bei Geislingen gefördert.

Hautnah erleben lässt sich der einstige Bergbau heute noch im Besucherbergwerk „Tiefer Stollen“ bei Wasseralfingen. Von 1608 bis 1939 wurde hier Braunjura-Erz abgebaut. Die Grubenbahn fährt die Besucher 400 Meter tief hinein in das insgesamt 6 Kilometer lange interirdische Labyrinth. Doch das alte Bergwerk hat heute auch eine medizinische Funktion. Mit Hilfe der sogenannten „Speläotherapie“, der Ausnutzung der heilsamen Wirkungen der extrem reinen Stollenluft, werden Krankheiten wie Asthma, Atemwegserkrankungen und Allergien behandelt.

Sehr treffend hat Robert Gradmann die Alb als „einen Koloß mit tönernen Füßen“ beschrieben, denn tatsächlich steht die mächtige Albsteilstufe auf dem rutschfreudigen Ornatenton, der obersten Braunjuraschicht. Hier kommt ein Teil des Wassers aus dem verkarsteten Weißjura wieder in Form von Quellen zum Vorschein und trägt durch seine Quellerosion kräftig dazu bei, dass immer wieder Teile der Alb abrutschen. Im Gelände ist die Grenze zwischen Braunjura (malerische Hügel im Albvorland) und Weißjura (schroffer Albaufstieg) meist deutlich zu erkennen.