Friedrich Hölderlin

wurde am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren. Der Vater stirbt 1772, die Familie zieht daraufhin nach Nürtingen. Nach dem Besuch der Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn studiert Hölderlin ab 1788 Theologie in Tübingen. Den ersten Veröffentlichungen 1791 und Freundschaften mit Schelling, Hegel, Goethe und Schiller folgt die Hofmeisterstelle bei der Bankierfamilie Gontard in Frankfurt. Die Hausherrin Susette nennt er Diotima und macht sie im Hyperion unsterblich. Ab 1807 lebt er bei der Schreinerfamilie Zimmer in Tübingen (heute: Hölderlinturm) und stirbt dort am 7. Juni 1843.

Ein Leben am Fluss
Der Blick von der Tübinger Neckarinsel, der Platanenallee, über den Neckar mag für Hölderlin oft Trost und Hoffnung gewesen sein. Damals wie heute öffnet sich hier eine unvergleichlich malerische Idylle: zur Stiftskirche aufsteigende Fachwerkhäuser, Stocherkähne, das Schloss Hohentübingen und der Hölderlinturm unten am Ufer. Die Spiegelungen im Neckar mögen ihn während des Studiums weit in die Zukunft und später - während seiner Erkrankung weit zurück getragen haben. Hölderlin schreibt in dem Gedicht Der Neckar (1799):

 In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf zum Leben,
deine Wellen umspielten mich,
und all der holden Hügel die dich Wanderer kennen,
ist keiner mir fremd.

1174 geht die kleine Familie auf Wanderschaft von Lauffen aus neckaraufwärts nach Nürtingen. Sein Stiefvater wird dort Bürgermeister und in dieser Stadt am Albtrauf gewinnt er erste prägende Kindheitseindrücke.

Ab 1774 besucht Hölderlin die Lateinschule in Nürtingen, er spielt am Neckar und erlebt das verheerende Hochwasser, bei dem sein Stiefvater in der Folge durch eine Lungenentzündung stirbt. Eine Vielzahl von Eindrücken muss er verarbeiten, seine Wirkung auf andere beschreibt sein Hauslehrer Nathanael Köstlin im Juli 1779 so: Und bis jetzt kann ich über meinen Schüler kaum klagen. Er ist zwar ein bisschen verträumt, aber im großen und ganzen ein braver Schüler; dem griechische, lateinische und hebräische Vokabeln keine Mühe bereiten. Auch in Philosophie und Theologie gibt es kein Wort des Klagens. Das umfangreiche Pensum meistert er bravourös. Jedoch habe ich dies bei unserer ersten Begegnung keinesfalls von ihm gedacht. Er kam nur sehr zögerlich auf mich zu und sein Gesicht war voller Angst. Seine Mutter erklärte mir daraufhin, dass er ein sehr scheuer Junge sei. In unseren gemeinsamen Stunden schien er jedoch aufzublühen.

Hölderlin selbst beschreibt seine Kindheit in einem Gedicht später so:

Da ich ein Knabe war,
Rettet ein Gott mich oft
Vom Geschrei und der Rute der Menschen,
Da spielt ich sicher und gut,
Mit den Blumen des Hains,
Und die Lüftchen des Himmels spielten mit mir.

Hölderlins Mutter wohnt nach dem Weggang des Sohnes bis zu ihrem Tod in Nürtingen, der Sohn kehrt immer wieder an diesen Ort seiner Kindheit zurück. Von 1828 bis 1843 war Hölderlin Pflegesohn der Stadt. Im Stadtmuseum Nürtingen ist seine Pflegeschaftsakte dokumentiert.

Die Tätigkeit des Hauslehrers war eng mit der weiblichen Erziehungsarbeit verknüpft, er sollte Kindern gemeinsam mit der Hausherrin die Neigung zu Muse, Musik und Literatur fördern. Vor den darin lauernden Gefahren warnte ein 1796 veröffentlichtes Handbuch für Privaterzieher: << … dass der Hauslehrer vorzüglich viel Delicatesse im Umgang mit der Hausfrau nöthig hat, liegt in der Natur der Sache. Mit jedem zu sehr annähernden Schritt, jedem Suchen des Geheimnisses von ihrer Seite, wird der weise Mann einen Schritt zurücktreten. Er wird sogar je eher je lieber das Haus verlassen, worin die Ruhe - vielleicht endlich gar die Tugend - zweyer Personen in Gefahr kommt. .... Die Flucht allein macht hier den braven Mann…».

Erzieher und Hauslehrer

Nach dem Besuch der Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn beginnt Hölderlin 1788 mit dem Theologiestudium im Evangelischen Stift in Tübingen, um dem Wunsch der Mutter zu gehorchen. Er soll nach ihrem Plan Pfarrer werden. Aber das entspricht nicht seinen Neigungen.

Er empfindet das Tübinger Stift eher bedrückend als belebend. Allein seine Freunde geben ihm Mut und Freude. Mit Hegel, Neuffer, Magenau und Schelling zieht er durch Tübingen, über die grünen Hügel und die stillen Täler ringsum. Sie lesen sich gegenseitig Gedichte vor, schreiben und spinnen die Gedanken der französischen Revolution weiter. Der Mutter schreibt er: Das Lehramt ist …überhaupt, so viel ich sehe, bei den jetzigen Zeiten wirksamer als das Predigtamt.

Hölderlin glaubt sein Bildungsideal nicht an öffentlichen Schulen verwirklichen zu können, sondern wählt den Weg des Hauslehrers: …dass in unserer jetzigen Welt die Privaterziehung noch beinahe das einzige Asyl (sei), wohin man sich flüchten könnte mit seinen Wünschen und Bemühungen für die Bildung des Menschen.

Das große Vorbild für junge Erzieher war damals Jean Jacques Rousseau, der den revolutionären Gedanken vertrat, dass Kinder ein Naturrecht auf ihre Kindheit besitzen und nicht wie junge Erwachsene behandelt werden sollten. 

Hölderlins erste Hausherrin Charlotte Kalb war von ihm begeistert: Er sucht das Nachdenken seines Zöglings in wachsender Tätigkeit zu erhalten, und sicher wird er alles aus seinem Unterricht entfernen, was totes Eitles oder Wortwissen bedeutet. Aus dem Bankhaus Gontard in Frankfurt, seiner entscheidenden Hauslehrerstelle, wird berichtet: Er gefiel allen und erfüllte selbst die gespanntesten Anforderungen. Sein Äußeres war höchst einnehmend ... Auch die Kinder des Hauses, obgleich noch sehr jung, hingen bald mit großer Liebe an ihm.

Wie oft lag er mit uns auf der Erde und lehrte uns spielend mancherlei.

Diese Aussage einer Gontard Tochter verdeutlicht, welche Fähigkeiten Hölderlin besaß. Er entwickelte sich zum Gegenpol seiner eigenen strengen und reglementierten Kindheit. Der Tod von Susette Gontard, seiner Hausherrin in Frankfurt, hinterlässt bei Hölderlin tiefe, unerfahrbare Spuren. 1806 wird er in das Klinikum Authenrieth in Tübingen eingeliefert. Die Familie um den Schreinermeister Zimmer kümmert sich von nun an um Hölderlin und bietet ihm in ihrem Haus am Neckarufer ein Zuhause bis zu seinem Tod. 

Museum in Turm

Heute ist dieses Zuhause eines der schönsten Literaturmuseen in Baden-Württemberg und lässt Besucher den Ausblick und das Leben Hölderlins unmittelbar nachvollziehen. Der Hölderlinturm ist Wahrzeichen und unverwechselbarer Mittelpunkt der romantischen Tübinger Neckarfront.

36 Jahre treu umsorgt von Ernst Zimmer und dessen Tochter Charlotte, lebte Hölderlin in seinem Turmzimmer am Neckar. Er, der sich selbst verloren hatte, verlor nicht die freundschaftlichen Bande zu seiner Umgebung.

Die Linien des Lebens sind verschieden,
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Mit großen, weitschweifenden Worten empfing er hier seine Besucher: Eduard Mörike, Justinus Kerner, Ludwig Uhland, Gustav Schwab und viele andere. Heure vermittelt das Hölderlinmuseum einen Ausschnitt aus dem Leben und Werk des großen Dichters. Es ist Sitz der Hölderlingesellschaft und zeigt in drei Abteilungen die ständige Ausstellung Hölderlin in Tübingen:

Raum 1: Zeitgenössische Beschreibungen und Darstellungen der Stadt Tübingen und des Evangelischen Stifts. Offizielle Studiendokumente des Studenten Friedrich Hölderlin und Briefe an die Familie. Materialien über die Freundschaften und Förderer.
Raum 2: Materialien zu Hölderlins Klinikaufenthalt. Dokumente der Pflegefamilie Zimmer. Späte Gedichte Hölderlins. Dokumente der Besucher.
Raum 3: Wissenschaftliche Forschung über Hölderlin. Aktuelle Beispiele für Hölderlins Wirkung in der Literatur der Gegenwart.

Der Hölderlinturm ist heute vor allem auch ein Forum für kulturelle Aktivitäten. Im unteren Turmzimmer und den beiden angrenzenden Ausstellungsräumen finden regelmäßig wissenschaftliche Vorträge, Referate, Seminare, Lesungen und Konzerte statt. Im Obergeschoss steht ein Raum für Wechselausstellungen zur Verfügung, die sich thematisch mir Hölderlin und seiner Zeit beschäftigen. Die Bibliothek im ersten Obergeschoss beherbergt auch alles rund um Hölderlin mit Ausgaben seiner Werke, Übersetzungen und Sekundärliteratur. Deutsche Literatur und Philosophie der Hölderlin Zeitgenossen und eine besondere Abteilung über die Geschichte und Gegenwart Tübingens und Württembergs - diese Bibliothek ist Interessenten auf Anfrage zugänglich.

Friedrich Hölderlin liegt auf dem Tübinger Stadtfriedhof begraben. Von der Öffentlichkeit fast vergessen, wurde ihm dort im Juni 1843 von Tübinger Studenten die letzte Ehre erwiesen.

WERKE

Antigone
Brot und Wein
Hyperion oder der Eremit in Griechenland
Menos Klagen um Diotima
Hymne an die Freiheit
Hymne an die Menschheit
Hälfte des Lebens

Anreise: